WvD
Wissensvermittlung in der Denkmalpflege e.V.

Weidenflechten - Flechtwerk aus Natur, Wissen und Geduld

6. Juni 2026

Ergebnisse des Flechtseminars: Schwingen, Spaliere mit Mustern

Dass aus ein paar scheinbar unscheinbaren Weidenruten stabile Körbe, kunstvolle Spaliere und wahre kleine Meisterwerke entstehen können, davon konnten sich die Teilnehmer unseres Seminars zum traditionellen Weidenflechten selbst überzeugen. Und eines wurde dabei schnell klar: Was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist in Wirklichkeit ein Handwerk, das Geduld, Geschick und eine gehörige Portion Erfahrung verlangt.
Angeleitet wurden wir von Frieder Heinrich, einem der letzten Korbmachermeister der Oberlausitz. Mit viel Geduld, Humor und einem beeindruckenden Fundus an Fachwissen führte er uns durch die Welt der Korbmacherei. Während seine Hände scheinbar mühelos die Weidenruten in die gewünschte Form brachten, sorgten dieselben Arbeitsschritte bei den Teilnehmern nicht selten für fragende Blicke, verknotete Gedanken und gelegentlich auch für die Erkenntnis, dass die eigenen Finger offenbar nicht immer das tun, was der Kopf ihnen befiehlt.

Die Kluppe - ein Korbmacherwerkzeug zum Schälen von Weidenruten

Im Mittelpunkt stand die Grünkorbmacherei. Anders als bei der Weißkorbmacherei werden hierbei die Weidenruten mit ihrer Rinde verarbeitet. Das typische helle Flechtmaterial der Weißkorbmacher entsteht erst nach dem Schälen der Ruten. Dafür wird die sogenannte Kluppe oder der Weidenschälring verwendet – ein eigens für das Korbmacherhandwerk geschmiedetes Werkzeug. Mit seiner Hilfe wird die Rinde abgestreift und das charakteristische weiße Flechtmaterial gewonnen. Auch das Arbeiten mit der Kluppe durften wir probieren. Geflochten wurden sogenannte Schwingen, eine traditionelle Korbform, die sich gut als Erntekorb eignet. Anders als bei vielen anderen Körben gibt es hier keinen separat geflochtenen Boden und keinen klassischen Rand. Stattdessen wird das Geflecht direkt in einen Rahmen aus gebogenen Staken eingearbeitet. Klingt einfach. Ist es mit ohne das wertvoll Hintergrundwissen vom Korbmachermeister Frieder Heinricht aber keineswegs.

Flechten eines Sichtschutzspaliers

Als Material dienten Weidenruten, die wir bereits im März geerntet hatten (siehe auch unser Artikel zur Weidenernte). Etwa sechs Wochen wurden sie ins Wasser gestellt und hatten inzwischen feine Wurzeln gebildet. Dadurch waren sie besonders biegsam und angenehm zu verarbeiten. Vorrangig kam die Bind- beziehungsweise Schälweide (Salix americana) zum Einsatz, die unter Korbmachern wegen ihrer vielseitigen Eigenschaften sehr geschätzt wird.
Neben den Schwingen entstanden auch verschiedene Weidenspaliere mit dekorativen Flechtmustern. Für zusätzliche Farbtupfer sorgten unterschiedliche Weidensorten, darunter die leuchtend gelbe Dotterweide. So zeigte sich einmal mehr, dass Korbflechter nicht nur Handwerker, sondern durchaus auch Gestalter sind.
Immer wieder wurde das praktische Arbeiten durch spannende Exkurse in die Materialkunde ergänzt. Brach einmal eine Rute – was durchaus vorkam und gelegentlich von einem leisen Seufzer begleitet wurde – hatte unser Referent meist sofort die passende Erklärung parat. So erfuhren wir beispielsweise, dass schwarze Verfärbungen an den Ruten auf Schädlingsbefall hinweisen können. Hinter solchen Spuren steckt oft der Weidenbock, dessen Larven sich über Jahre hinweg durch Holz und Wurzelwerk arbeiten. Was für die Weide unerquicklich ist, bot für die Teilnehmer eine weitere Gelegenheit, ihr Wissen über das Naturmaterial zu vertiefen.

Flechten von Schwingen - praktische Erntekörbchen entstehen

Am Ende des Tages entstanden nicht nur ansehnliche Werkstücke, sondern auch großer Respekt vor einem Handwerk, das weit mehr umfasst als das bloße Verflechten einiger Ruten.
Wer sehen möchte, welche beeindruckenden Ergebnisse jahrzehntelange Erfahrung hervorbringen kann, dem sei ein Besuch der Ausstellung und des Verkaufs der Korbmacherei Heinrich am Berggasthof Nonnenfelsen empfohlen. Die Ausstellung lässt sich hervorragend mit einer Wanderung verbinden und bietet die Gelegenheit, traditionelles Handwerk und die Schönheit der Oberlausitz gleichermaßen zu genießen.
Unser herzlicher Dank gilt Frieder Heinrich für seine Geduld, seine Begeisterung für das Handwerk und die vielen Einblicke, die weit über das eigentliche Flechten hinausgingen. Ebenso danken wir dem Denkmalnetz Sachsen, dessen Unterstützung dieses Seminar ermöglicht hat. Denn altes Handwerkswissen bewahrt sich nicht von selbst – es lebt davon, weitergegeben zu werden. Und zwar am besten von Menschen, die ihr Handwerk mit so viel Leidenschaft leben, wie unser Referent. Ebenso möchten wir uns bei allen engagierten Menschen des Bauerngartens Jonsdorf bedanken, die uns dieses wunderschöne Fleckchen Erde für unser Seminar zur Verfügung gestellt haben.

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